Es gibt Rezepte, die entdeckt man nicht in einem Kochbuch, sondern im Leben. Dieses hier gehört genau dazu. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Garten meiner Großeltern. Kein perfekter, geschniegelt angelegter Garten wie aus einer Zeitschrift, sondern ein ehrlicher Nutzgarten mit krummen Wegen, summenden Bienen und Tomatenpflanzen, die sich im Sommer kaum bändigen ließen. Wenn die Sonne am Nachmittag tiefer stand, roch alles nach warmem Grün, nach Erde – und nach diesen unglaublichen, süß-säuerlichen Tomaten, die man heute kaum noch im Supermarkt findet.
Meine Oma hatte eine Angewohnheit, die ich als Kind nie verstanden habe: Sie hat die frisch gepflückten Tomaten einfach nur aufgeschnitten, auf einen Teller gelegt, etwas Salz darübergestreut und gesagt: „Mehr braucht eine gute Tomate nicht.“ Keine komplizierte Marinade, kein Essig, keine Gewürzmischung. Nur Vertrauen in das Produkt. Damals wollte ich lieber Nudeln mit Soße. Heute weiß ich, dass genau das der wahre Luxus war.
Viele Jahre später, im hektischen Alltag zwischen Arbeit, Einkaufen und all den Dingen, die erledigt werden müssen, habe ich dieses „Rezept“ wiederentdeckt. Es war ein heißer Sommertag, ich hatte eigentlich keine Lust zu kochen, aber auf dem Wochenmarkt lagen diese wunderbar reifen Tomaten. Tiefrot, duftend, leicht unregelmäßig – genau so, wie sie sein sollen. Ich nahm sie mit nach Hause, schnitt sie auf, streute Salz darüber, gab einen Hauch Pfeffer dazu und setzte mich einfach auf den Balkon.
In diesem Moment war alles plötzlich ruhig. Kein kompliziertes Kochen, kein Stress. Nur dieser Geschmack. Süße, Säure, ein bisschen Würze – und ganz viel Sommer.
Seitdem ist dieses einfache Gericht ein fester Bestandteil meiner Küche geworden. Es ist kein „Rezept“ im klassischen Sinne. Es ist eine Erinnerung daran, dass gutes Essen nicht aufwendig sein muss. Es braucht keine lange Zutatenliste, sondern nur gute Produkte und ein bisschen Aufmerksamkeit.
Gerade in einer Zeit, in der alles schneller, lauter und komplizierter wird, ist dieser Tomatenteller für mich zu einer kleinen Pause geworden. Ein Moment, in dem man wieder schmeckt, wie Lebensmittel eigentlich sein sollten. Und genau deshalb möchte ich ihn heute weitergeben.
Zutaten
Reife, aromatische Tomaten (am besten saisonal und möglichst sonnengereift)
Grobes Salz oder Meersalz
Frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Ein hochwertiges Olivenöl (optional, aber sehr empfehlenswert)
Nach Wunsch: ein paar frische Kräuter wie Basilikum oder Schnittlauch
Mehr braucht es wirklich nicht.
Zuerst nehme ich mir Zeit für die wichtigste Zutat: die Tomaten. Sie sollten nicht direkt aus dem Kühlschrank kommen, denn Kälte nimmt ihnen Aroma. Am besten lässt man sie bei Zimmertemperatur liegen, damit sich ihr Geschmack vollständig entfalten kann. Dann werden sie vorsichtig gewaschen und trockengetupft.
Ich schneide sie nicht hastig, sondern mit einem scharfen Messer in Scheiben oder Spalten – je nachdem, wie saftig sie sind. Schon beim Schneiden merkt man, ob man gute Tomaten erwischt hat: Der Duft ist intensiv, fast süßlich, und der Saft glänzt auf dem Brett.
Die Stücke lege ich locker auf einen großen Teller, nicht übereinander gestapelt, sondern so, dass jede Scheibe ein bisschen Raum bekommt. Dann kommt der entscheidende Moment: das Salzen. Nicht zu viel, nur eine Prise. Das Salz zieht ganz leicht Wasser aus der Tomate und verstärkt dadurch ihren natürlichen Geschmack. Man sieht nach wenigen Minuten kleine glänzende Tropfen entstehen – genau dann wird es perfekt.
Frisch gemahlener Pfeffer bringt eine leichte Schärfe hinein, ohne den Charakter zu überdecken. Wer möchte, träufelt jetzt noch ein wenig gutes Olivenöl darüber. Kein dickes Dressing, sondern nur ein Hauch, der alles verbindet und dem Gericht eine weiche, runde Note gibt.
Manchmal streue ich noch ein paar Basilikumblätter darüber, aber ehrlich gesagt braucht es das gar nicht immer. Oft ist weniger tatsächlich mehr.
Dann lasse ich alles zwei, drei Minuten ruhen. Diese kurze Zeit reicht, damit sich die Aromen verbinden. Und genau dann schmeckt man den Unterschied zwischen „einfach gemacht“ und „bewusst zubereitet“.
Tipps und Variationen
Das Wichtigste bei diesem Gericht ist nicht die Technik, sondern die Qualität der Zutaten. Gute Tomaten machen hier wirklich den Unterschied. Im Sommer lohnt sich der Gang zum Wochenmarkt oder zum Hofladen, denn dort findet man oft Sorten mit viel mehr Geschmack als im Standardangebot.
Wer es etwas herzhafter mag, kann ein paar hauchdünne Zwiebelscheiben hinzufügen. Auch ein wenig zerbröselter Feta passt wunderbar, wenn daraus eine sättigendere Mahlzeit werden soll.
Mit geröstetem Brot wird dieser einfache Tomatenteller plötzlich zu einem kleinen Abendessen. Das Brot saugt den Tomatensaft auf – und genau das ist oft das Beste daran.
Auch als Beilage zu Gegrilltem, zu Kartoffeln oder einfach zu einem Stück Käse ist dieses Gericht ideal. Es wirkt leicht, frisch und bringt Farbe auf den Tisch, ohne zu beschweren.
Und noch ein kleiner, aber wichtiger Tipp: Tomaten gehören nicht in den Kühlschrank. Dort verlieren sie ihr Aroma. Lieber offen lagern und innerhalb weniger Tage genießen.
Dieses Rezept erinnert mich jedes Mal daran, dass Kochen nicht immer bedeutet, lange in der Küche zu stehen. Manchmal bedeutet es einfach, ein gutes Produkt zu respektieren, ihm ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken – und dann den Moment zu genießen.
Denn genau so schmeckt Sommer. Einfach, ehrlich und wunderbar unkompliziert.







